Die Wahrheit liegt im Blut – Referenzwerte

Referenzwerte, was ist das?

In den letzten Wochen und Monaten bekomme ich immer wieder Blutuntersuchungen von Menschen auf den Schreibtisch, die an gesundheitlichen Problemen leiden, deren Blutreferenzwerte trotzdem offensichtlich normal sind.

Zunächst definiert Wikipedia den Begriff der medizinischen Referenzwerte so:

Referenzwerte werden statistisch aus Untersuchungsergebnissen gesunder Personen ermittelt. Als normal werden solche Ergebnisse bezeichnet, die bei 95 Prozent aller gesunden Untersuchten gefunden werden. Der Referenzbereich wird so gewählt, dass oberhalb und unterhalb davon jeweils 2,5 % der gemessenen Werte aller Untersuchungspersonen liegen.

Das, mit den gesunden Personen, wage ich zu bezweifeln. Denn wessen Blutwerte gehen ins Labor? In der Regel sind die Menschen fortgeschrittenen Alters. In verschiedenen Vorträgen haben die Referenten (Ärzte) erklärt, dass es sich hier nicht um Blut von jungen, gesunden Menschen handelt, denn die gehen in der Regel nicht zum Arzt.

Was nun? Stutzig wurde ich als ich bei einem Ehepaar die Referenzwerte des Vitamin D Spiegels gesehen habe. Zwei verschiedene Labors, zwei Referenzwerte. Während das eine Labor einen guten Wert bescheinigte, lag gemäß dem Referenzwert des anderen Labors ein Mangel vor. Darum empfehle ich meinen Patienten, sich immer an den Bestwerten zu orientieren. Dabei interessieren mich viel weniger die üblichen Blutparameter bei einem großen Blutbild, sondern die Werte, die Normalpatient selbst bezahlen muss. Denn mit Ausnahme der Erytrozyten aus denen man einen möglichen Vitamin B12 Mangel ersehen kann, gibt das große Blutbild keinen Aufschluss darüber, ob eine ausreichende Versorgung von Vitaminen und Mineralien vorliegt.

Wenn ich also Ursachen für Störungen aufspüren will, braucht es mehr, als die üblichen Parameter. Bei diesen Messungen (Eiweiß, Vitamine, Mineralien) empfehle ich immer, sich an den Bestwerten zu orientieren und erkläre das so: „Ich fahre mit meinem Auto aus der Garage und mein Tank ist voll. Sie fahren aus der Garage und ihr Tank  ist auf Reserve oder nur zu einem Viertel gefüllt? Wer kommt weiter?“

Und dann gibt es noch so etwas wie „altersgerecht normal“. Das ist eine Redewendung, die im Grunde nur besagt: „Gut ist was anderes, aber in dem Alter ist das halt mal so.“ Damit mag ich mich nicht abfinden.

Ich möchte hier ein paar klassische Beispiele zeigen warum ich so meine Probleme mit den Referenzwerten habe:

Beispiel 1: Mann kommt in die Praxis und leidet unter Problemen mit der männlichen Potenz. Sein Testosteronspiegel ist „altersgerecht normal“. Vielleicht am unteren Rand, aber noch immer im Referenzbereich eines 50ig Jährigen. Da geht die Medizin einfach davon aus, dass die Manneskraft im Alter nachlässt. Wenn aber dieser Mann eine junge Frau zuhause hat und unter der schwindenden Manneskraft leidet, kann man sich ansehen, woher das kommt. Blutdrucksenker oder Cholesterinsenker, aber auch Psychopharmaka können die Ursache sein. Wenn das alles nicht zurifft, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Der Arzt verordnet ihm Testosteronpflaster oder man versucht, über Ernährung und Nahrungsergänzung Einfluss auf die Hormone zu nehmen. Eine dritte Möglichkeit ist, man muss sich mit diesem Problem abfinden und das ist für den Mann vollkommen inakzeptabel.

Beispiel 2: Vitamin B12 hat einen Referenzbereich von 200 – 1000 ng/l. (Beispiel aus einem Laborbogen, bei manchen ist die Obergrenze im 800er Bereich). Die Schweizer scheinen gesünder zu sein, denn bei vielen Werten, die ich mir dort inzwischen angesehen habe, beginnt der Referenzwert bei 300 nach oben. Wenn man bedenkt, das Vitamin B12 überlebensnotwendig ist, ist es für mich keine Frage, dass nur der obere Wert wirklich ein guter Wert ist. Dann erklärt mir ein Patient (ich grüße ihn, falls er das liest) dass Dr. Strunz ihm erklärt hat, dass der Wert auf 2000 rauf muss. Lange habe ich gerätselt warum. Dann habe ich in einem der News vom Doc gelesen, dass man nur mit so einem hohen Wert den Homocysteinspiegel senken kann. Homocystein ist an sich ein Risikofaktor für einen Herzinfarkt. Auch das ist ein Wert, deren Messung, man selbst bezahlen muss. Warum? In Ländern wie den USA wird dieser Wert automatisch mit gemessen.

Beispiel 3: Ich habe immer wieder Patienten, die an RLS (Restless Leg Syndrom), also unruhigen Beinen leiden. Wann immer diese Patienten B Vitamnin B12 Injektionen bekommen, verschwindet das Leiden und die leidesfreie Zeit hält mehrere Wochen an. Ich brauche nicht zu betonen, dass bei allen die B12 Werte im Referenzbereich liegen. Aber, ob Referenzbereich oder nicht, für die betroffene Person scheint der Wert einfach zu niedrig zu sein. Der Mensch ist nun einmal keine Maschine nach Industrienormen.

Beispiel 4: Als ich meinen Vitamin D-Spiegel habe messen lassen, lag der bei 74 und auf dem Laborbogen steht, leichte Vitamin D Überdosierung. Der Referenzwert des Labors wurde mit 20-50 Nanomol/l angegeben. Mein erster Gedanke: Offensichtlich bekommt dieses Labor ganz viele Blutwerte von unterschwellig depressiven Patienten, sonst käme nicht so ein schlechter Referenzwert raus. Denn bei manchen Labors liegt man unter 25 Nanomol/l noch im Mangel, während man bis 75 gut versorgt ist. Inzwischen wurden von vielen Labors diese Werte nach oben geschoben.

Beispiel 5: Laborbogen geben den Referenzbereich eines Magnesiumspiegels im Blut wie folgt an:

Neubeborene bis 4 Wo.:  0,62 – 0,91 mmol/l
Kinder bis 6 Monate:  0,62 – 0,95 mmol/l
Kinder bis 6 Jahre:  0,70 – 0,95 mmol/l
Kinder bis 12 Jahre:  0,70 – 0,86 mmol/l
Kinder, Jugendliche und
Erwachsene bis< 20 Jahre:
 0,70 – 0,91 mmol/l
Erwachsene bis 60 Jahre:  0,66 – 1,07 mmol/l
Erwachsene bis 90 Jahre:  0,66 – 0,99 mmol/l
Erwachsene  ab 91 Jahre:  0,70 – 0,95 mmol/l

Jetzt meine Frage: Braucht jemand über 60 weniger Magnesium? Ausgerechnet zu einem Zeitraum, wo ein guter Magnesiumspiegel unbedingt wichtig ist, um Herzprobleme oder Tinnitus zu vermeiden? Und warum ist der untere Wert bei 91 höher als bei 60? Warum der obere Wert bei 55 noch bei 1,07 und über 60 bei 0,99? Dieses Beispiel sollte zeigen, dass ich die Aussage: „Alles normal“ grundsätzlich hinterfrage. Ja, normal vielleicht schon, aber gesund und glücklich?

Darum meine Empfehlung: Lassen Sie sich immer eine Kopie einer Laboruntersuchung geben. Ein Arzt ist so im Stress, dass er nur einen Blick auf den Bogen wirft (manchmal auch nur seine Helferin) und nachschaut, ob der Wert nach unten oder nach oben aus dem Referenzbereich fällt. Ist das nicht der Fall, heißt es: Alles normal!

Darum ist Eigenverantwortlichkkeit gefragt. Denn nicht der Arzt hat das Problem, wenn etwas im Körper nicht rund läuft, sondern der Patient.

Hinweis: Dieser Beitrag ist keine therapeutische Empfehlung und spiegelt nur meine private Meinung wieder.

 

 

 

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2 Kommentare zu Die Wahrheit liegt im Blut – Referenzwerte

  1. Zum Thema „Auffüllen was fehlt“ habe ich heute morgen einen guten Newsletter gelesen:

    http://www.strunz.com/de/news/die-grosse-enttaeuschung.html

    und hier noch einer

    http://www.strunz.com/de/news/muskeln-ihre-altersversorgung.html

  2. Angelika Steimle sagt:

    Kürzlich bekam ich einen Blutwert auf den Tisch, bei dem das Labor einen Referenzwert für das MCV bis 100 Obergrenze als normal angab.

    http://www.netdoktor.de/Diagnostik+Behandlungen/Laborwerte/MCH-MCHC-MCV-und-RDW-1351.html

    Bisher hatten die meisten Labors 97 als Obergrenze. Da schrillen bei mir alle Alarmglocken. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Person einen gravierenden Mangel an Vitamin B12 hatte. Hier hat man die Werte an die Bevölkerung angepasst, deren Vitamin B12 Versorgung immer schlechter wird. (Auch Veganer, die häufig unter B12 Mngel leiden, fließen mit ihren Werten in den Durchschnitt mit ein) Das bedeutet, wenn der Arzt oder oft die Helferin einen Blick auf das Laborblatt wirft, ist vermeintlich alles im Normbereich.
    Ob jetzt die Person Allergien hat oder mit den Neven am Ende ist, da gibt’s ja Psychopharmaka. Dass aber der niedrige B12 Wert ganz andere gravierende Folgen hat, soweit denkt man nicht.

    Hier der Link zu dem Thema Labor, in dem Fall Ferritin das auch mit dem Wert des MCV zusammen hängt: https://www.strunz.com/de/news/eiserne-herzkraft.html

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